Pestizide und Glyphosat im Hafer: Was im Drink ankommt

Hafer wird in Deutschland selten mit Glyphosat behandelt, in Nordamerika häufiger. Was Rückstandshöchstgehalte bedeuten, was Bio ändert und was davon im Drink landet.

Kaum ein Wirkstoff wird so heftig diskutiert wie Glyphosat, und kaum ein Getreide gerät dabei so häufig ins Gespräch wie Hafer. Der Grund ist eine Anbaupraxis, die in Nordamerika verbreitet ist und in Europa kaum eine Rolle spielt. Weil das regelmäßig durcheinandergeht, hier die Einordnung: Was passiert auf dem Feld, was steht im Gesetz und was davon kommt am Ende in deinem Haferdrink an.

Die Sikkation und warum sie das Thema ist

Glyphosat ist ein Totalherbizid, das grüne Pflanzen absterben lässt. Normalerweise wird es vor der Aussaat gegen Unkraut eingesetzt. Es gibt aber eine zweite Anwendung, die für Getreide relevant ist: die Sikkation, also die Behandlung kurz vor der Ernte. Sie lässt den Bestand gleichmäßig abreifen und erleichtert das Dreschen, besonders wenn der Sommer feucht war. Genau bei dieser Anwendung kann der Wirkstoff im Korn ankommen, weil zwischen Spritzung und Ernte nur wenige Tage liegen.

In Deutschland ist die Vorerntebehandlung mit Glyphosat seit 2014 stark eingeschränkt und nur noch in eng begrenzten Ausnahmefällen zulässig. In der Praxis wird sie bei Hafer hierzulande so gut wie nicht angewendet. In Kanada und den USA, den größten Haferexporteuren der Welt, ist sie dagegen eine gängige Methode, weil dort das Erntefenster kurz und das Wetter unberechenbar ist. Wenn also Rückstände in Haferprodukten gefunden werden, hängt das meist an der Herkunft des Rohstoffs.

Was Rückstandshöchstgehalte bedeuten

Für jeden zugelassenen Wirkstoff und jedes Lebensmittel legt die EU einen Rückstandshöchstgehalt fest. Dieser Wert ist kein Gesundheitsgrenzwert, sondern ein handelsrechtlicher Wert: Er beschreibt, wie viel Rückstand bei ordnungsgemäßer Anwendung höchstens zu erwarten ist. Er liegt in aller Regel weit unterhalb der Menge, bei der gesundheitliche Effekte diskutiert würden. Wird er überschritten, ist das Lebensmittel nicht automatisch gefährlich, aber nicht verkehrsfähig, weil offenbar nicht sachgerecht gearbeitet wurde.

Für Hafer liegt der Höchstgehalt für Glyphosat höher als für viele andere Kulturen, was in Berichten gern als Skandal dargestellt wird. Der Hintergrund ist banal: Höchstgehalte werden je Kultur aus der zugelassenen Anwendung abgeleitet, und wo eine Vorerntebehandlung irgendwo zugelassen ist, fällt der Wert höher aus. Es ist eine Zulassungsgröße, keine Aussage über Sicherheit.

Vom Korn in den Drink

Ein Haferdrink besteht zu rund 90 Prozent aus Wasser. Der Haferanteil liegt zwischen 8 und 15 Prozent. Selbst wenn im Ausgangshafer eine messbare Rückstandsmenge steckt, wird sie im fertigen Drink stark verdünnt. Dazu kommt, dass beim Abseihen ein Teil der festen Bestandteile ausgeschleust wird. Rechnerisch landet im Glas deutlich weniger als im Korn. Das ist kein Freibrief, aber es erklärt, warum Untersuchungen von Haferdrinks bei Pestiziden regelmäßig unauffällig ausfallen, während Haferflocken näher an der Nachweisgrenze liegen.

Was Bio ändert

Im ökologischen Landbau sind chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel nicht zugelassen, Glyphosat also ausgeschlossen. Wer Rückstände sicher vermeiden will, greift zum Bio-Produkt, und das ist bei Haferdrinks einfacher als bei fast jedem anderen Lebensmittel: Über die Hälfte der Produkte im deutschen Handel trägt ein Bio-Siegel, und das gilt auch für die günstigen Handelsmarken von Discountern und Drogerien. Der Aufpreis für Bio ist bei Haferdrink also klein bis nicht vorhanden. Welche Produkte das sind, steht auf der Seite Bio-Haferdrinks.

Zu beachten ist: Bio heißt nicht rückstandsfrei im absoluten Sinn. Über Abdrift von Nachbarfeldern, Transport und Verarbeitung können Spuren in Bio-Ware gelangen. Die Größenordnung ist aber eine völlig andere, und die Kontrollen des Bio-Systems greifen genau hier.

Herkunft ist der eigentliche Hebel

Wer beim Thema Pestizide etwas ändern will, schaut nicht auf die Vorderseite der Packung, sondern auf die Herkunft des Hafers. Europäischer Hafer, insbesondere aus Deutschland, Skandinavien und dem Baltikum, kommt praktisch ohne Vorerntebehandlung aus. Bei Ware aus Übersee ist die Wahrscheinlichkeit höher. Das Problem: Nur wenige Hersteller nennen die Herkunft. "Hergestellt in Deutschland" bezieht sich auf die Abfüllung, nicht auf das Feld. Marken mit belegter regionaler Herkunft sind die Ausnahme, wir führen sie mit einem eigenen Merkmal.

Wie wir damit umgehen

Wir messen keine Pestizide, das ist Laborarbeit und Aufgabe der amtlichen Überwachung und großer Testmagazine. Was wir tun: Wir erfassen Bio-Status und, wo belegt, die Herkunft des Hafers, und wir nennen fremde Testergebnisse mit Jahr und geprüfter Charge. Was wir nicht tun: Produkte als belastet oder unbelastet markieren. Ein solcher Vermerk wäre eine Aussage über eine einzelne Charge aus einem einzelnen Erntejahr und damit nach wenigen Monaten wertlos.

Die praktische Einordnung

Für die Frage, ob Haferdrink ein sicheres Lebensmittel ist, spielen Pestizidrückstände nach heutiger Datenlage eine kleinere Rolle als andere Themen, etwa Schimmelpilzgifte, die aus dem Feldwetter und nicht aus der Spritze stammen. Wer beides minimieren will, macht zwei Dinge: Bio kaufen und die Getreidesorten abwechseln, also nicht ausschließlich Hafer in allen Mahlzeiten. Das ist unspektakulär, aber wirksamer als jede Debatte über einen einzelnen Wirkstoff.

Aktualisierung Mai 2026: Die EU hat die Zulassung von Glyphosat 2023 um zehn Jahre verlängert, die Einschränkungen für die Vorerntebehandlung in Deutschland bestehen fort. An der Einordnung in diesem Artikel ändert das nichts. Ergänzend liegt seit 2026 eine Bewertung des Bundesinstituts für Risikobewertung zu Schimmelpilzgiften in Haferdrinks vor, dazu gibt es einen eigenen Beitrag.

Passend dazu

Porträtfoto: Die Redaktion von haferdrinks.de

Die Redaktion

Produktdaten, Tests, Ratgeber

Wir erfassen Etiketten, prüfen Herstellerangaben, schäumen Haferdrinks auf und lesen EU-Verordnungen, damit du es nicht musst. Alle Beiträge und die Arbeitsweise stehen auf der Autorenseite.

Kontakt

Du hast einen Hinweis für uns?

Schreib uns eine kurze Mail, wenn dir zu einem Produkt, einem Wert oder einem Rezept etwas auffällt. Wir prüfen es und antworten dir, meistens innerhalb weniger Tage.

Hinweis schicken

Oder direkt: info@haferdrinks.de